
Theorie und Praxis sind zwei paar Schuhe
Vor genau sechs Wochen erschien meine erste Kolumne «ich meinti». Die Vorfreude war riesig. In dieser Kolumne schrieb ich darüber, wie wir mit Fehlern umgehen sollten – ja, sogar müssen – und was wir daraus lernen können. Ich philosophierte über eine neue Lernkultur, die entstehen könnte, wenn wir «Ja» zu Fehlern sagen. Doch wie so oft zeigt sich: In der Theorie klingt alles viel einfacher, als es in der Praxis ist.
Anfang Oktober wartete ich voller Spannung auf die Veröffentlichung meiner ersten Kolumne. Ich hatte mir nicht nur über den Inhalt Gedanken gemacht, sondern auch darüber, wie der Text aufgebaut sein sollte, damit er spannend und gut lesbar wird. Ich überlegte, wie der Anfang neugierig macht und der Schluss den Bogen sinnvoll schliesst. Voller Vorfreude ging ich frühmorgens am Samstag zum Kiosk am Bahnhof, da meine Zeitung noch nicht im Briefkasten lag. Ich kaufte mir ein Exemplar. Im Zug öffnete ich gespannt die Zeitung – und stellte mit grosser Enttäuschung fest, dass ein Formatierungsfehler der Redaktion meinen Text auseinandergerissen und falsch zusammengesetzt hatte. Der Anfang ergab keinen Sinn mehr. Ich fragte mich ernsthaft: Was denken die Lesenden über mich, wenn sie diesen Text in dieser Form lesen? (In der Online-Ausgabe wurde der Text glücklicherweise nachträglich korrigiert.)
Ironischerweise drehte es sich in meiner Kolumne genau um dieses Thema: den Umgang mit Fehlern und Veränderungen. Plötzlich fand ich mich in dieser Praxis wieder, über die ich so schön theoretisiert habe.
Dieser Moment zeigte mir eindrucksvoll, wie schwer es manchmal ist, das, was in der Theorie so klar erscheint, auch in der Realität umzusetzen. Es ist leicht, Gelassenheit zu predigen, wenn wir über Fehler nur theoretisch nachdenken. Doch wenn wir selbst betroffen sind, fällt es uns plötzlich schwer, genau diese Gelassenheit zu wahren.
In der Theorie weiss ich, wie ich meine Kinder erziehe, wie mein Mann sein Geschäft führen sollte oder ich Arbeit und Haushalt unter einen Hut bringe. Doch genau dort liegt die wertvolle Lektion: Die Praxis fordert uns heraus, unsere theoretischen Überzeugungen zu überprüfen – und sie wirklich zu leben. Denn Fehler sind nicht nur abstrakte Konzepte, sondern reale Herausforderungen, die uns enttäuschen und frustrieren können. Gleichzeitig bieten sie uns die Chance, daraus zu lernen und das Gelernte auch anzuwenden.
Ja, meine erste Kolumne ist nicht so erschienen, wie ich es mir erhofft hatte. Aber vielleicht war das genau der richtige Start. Denn dadurch wurde ich nicht nur dazu gebracht, nochmals über Fehlerkultur nachzudenken, sondern auch zu erkennen, dass Theorie ohne Praxis leer bleibt. Es sind die kleinen und grossen Pannen des Alltags, die uns zeigen, was wirklich zählt.
In diesem Sinne möchte ich mich abschliessend bei der Redaktion bedanken. Dieser Text wäre ohne diesen Fehler nicht entstanden und hätte mir diese Erfahrung vorenthalten. Und nun bin ich gespannt, wie diese Kolumne erscheinen wird – ich bin auf alles gefasst.
Ich meinti
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