
Superman über Sardinien
Letzte Woche habe ich Superman gesehen. Und Ameisen. Und ein Röntgenbild. Nein, ich war weder im Kino noch im Labor, und ich habe auch kein LSD genommen – ich lag einfach am Strand in Sardinien und habe in den Himmel geschaut.
Das Wolkenspiel, dieses langsame Theater der Luft, hat mich überrumpelt. Die Sonne wärmte meine Haut, der Wind trieb grosse weisse Fantasien über das Blau. Plötzlich war er da: Superman mit vorgestrecktem Arm, gefolgt von einer Kolonne Ameisen, und etwas, das wie das Röntgenbild eines Brustkorbs aussah. Absurd, aber wunderschön.
Am meisten überraschte mich, dass ich überhaupt hinschaute. Dass ich mir die Zeit nahm, Wolken zu beobachten und darin Formen und Figuren zu erkennen. Früher tat ich das oft – als Kind, als Jugendliche. Auf dem Schulweg, unter Bäumen, in den Ferien. Aber in letzter Zeit? Zu Hause? Nie. Keine Zeit. Keine Ruhe. Keine Wichtigkeit.
Sardinien – Sarnen. Drei gleiche Buchstaben am Anfang, dazwischen 1’050 Kilometer und ein ganz anderer Takt. Dort das Meer, hier die Berge. Dort Auszeit, hier Alltag. Vielleicht sehe ich in Sardinien mehr, weil ich weniger muss. Weil der Kopf stiller ist. Oder weil sich der Himmel mehr traut. Oder ich mir selbst.
Und dann war da noch dieser Weisswein aus dem Ort. Die Reben sah ich von der Terrasse aus. Vor Ort schmeckte er nach Sommer, nach langen Gesprächen, nach Salz auf der Haut und dem Gefühl von «piano piano».
Ich nahm sechs Flaschen mit – als Erinnerung. Zu Hause öffnete ich eine davon voller Vorfreude. Doch der Wein schmeckte plötzlich anders. Zu sauer, zu fremd. Kein «la dolce vita» mehr, nur noch ein Getränk, das vielleicht noch zum Kochen taugt.
Vielleicht lässt sich eben doch nicht alles mitnehmen. Weder der Himmel, noch der Geschmack, noch das Gefühl, barfuss zu frühstücken. Aber vielleicht ein bisschen von der Haltung. Ein „vediamo“, ein „non fa niente“, ein „ci pensiamo domani“. Und vielleicht auch ein „guarda che bello“, wenn in Sarnen ein paar Wolken über den Abendhimmel ziehen.
Manchmal denke ich, es geht gar nicht darum, wo man ist - sondern wie. Ferien, das sind nicht nur Orte. Es ist eine andere Sprache, nicht nur im Ohr, auch im Kopf. Die Sätze werden weicher. Die Gedanken werden langsamer. Vielleicht lässt sich das ja doch einpacken - in kleinen Dosen. Wie ein Glas Konfi beim Zmorgen.
Ich will zu Hause nicht so tun, als wäre ich in den Ferien. Aber ich möchte dem Alltag ein bisschen Ferienstimmung beimischen. Ein Löffel Sommer in die Suppe. Vielleicht einen Espresso, der viel zu stark ist, aber mich daran erinnert, wie es sich anfühlt, wenn nichts dringend ist.
Ich bin wieder zu Hause. Aber vielleicht stehen bei Ihnen die Sommerferien bevor. Wer weiss – vielleicht fliegt dann auch Superman bei Ihnen vorbei. Oder ein Drache. Vielleicht kommt Ihnen auch einfach dieser Satz, in den Sinn: "Il cielo oggi racconta storie – bisogna solo guardare." Ich wünsche Ihnen schöne Sommerferien.
Ich meinti
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