SI 342 NO

Heute fuhr ich auf der Autobahn Richtung Luzern einem Auto hinterher. Das Nummernschild lautete: SI 342 NO. Erst Si, dann No, Ja und Nein auf einem einzigen Blech. Der soll sich doch entscheiden, dachte ich. Aber so einfach ist das mit dem Entscheiden selten.

Früher, als Jugendliche, zupfte ich gelegentlich eine Margerite. Damals ging es meistens um die Liebe, um dieses unsichere Warten: Liebt er mich, oder liebt er mich nicht. Si oder No.

Damals dachte ich, Erwachsene seien Menschen, die genau wissen, was sie tun. Heute weiss ich aus eigener Erfahrung: Sie liegen nachts genauso wach und überlegen, ob der Beruf noch passt, ob man in den Süden oder Norden in die Ferien soll, ob etwas bleibt oder besser geht.

Mit dreissig hatte ich plötzlich das Gefühl, für Unsicherheit sei keine Zeit mehr. Da sollte man sich entschieden haben. Kinder oder nicht. Heiraten oder nicht. Bleiben oder gehen. Als gäbe es eine unsichtbare Frist, nach der Entscheidungen endgültig werden.

Dabei tarnen sich die grossen Entscheidungen oft als kleine.

Ein «Komm doch mit» kann ein ganzes Leben verändern. Niemand weiss, dass daraus später vielleicht die grosse Liebe wird. Oder ein «Nein danke» eine verpasste Chance fürs Leben. Man entscheidet ständig irgendetwas, ohne genau zu wissen, was das für Konsequenzen hat.

Vielleicht machen Entscheidungen deshalb müde. Nicht wegen der Wahl selbst, sondern wegen all dessen, was man gleichzeitig verliert. Jede Zusage ist eben auch ein Nein zu etwas anderem. Wer Kinder bekommt, entscheidet sich gegen ein anderes Leben. Wer keine bekommt, auch. Wer bleibt, verliert Möglichkeiten. Wer geht, andere.

Und trotzdem verlangen heute alle nach Klarheit. Man soll wissen, was man will. Möglichst früh. Fünfjahresplan, Altersvorsorge, Beziehungsstatus, glutenfrei oder laktosefrei. Selbst beim Bestellen eines Kaffees hat man heute das Gefühl, zuerst eine mündliche Prüfung bestehen zu müssen.

Doch die meisten Entscheidungen sind keine Frage von richtig oder falsch. Sie sind die Wahl zwischen zwei Unsicherheiten. Nur sagt einem das niemand. Stattdessen schauen wir auf die Leben der anderen und denken, dort sähe alles entschieden aus. Aber vermutlich liegt nachts auch irgendwo jemand wach und fragt sich, ob SI vielleicht doch besser gewesen wäre als NO.

Ich meinti

Doch die meisten Entscheidungen sind keine Frage von richtig oder falsch. Sie sind die Wahl zwischen zwei Unsicherheiten.

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Copyright 2025 Gabriela Renggli

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