
Improvisation gelebt im Alltag
Danach schwieg ich und hatte bis nach Sarnen Zeit, über diesen Satz nachzudenken. Seit über 20 Jahren spiele ich Improvisationstheater. Diese besondere Form des Theaters entsteht spontan auf der Bühne – basierend auf Zurufen des Publikums. Meistens sind die Szenen unterhaltsam, manchmal auch nicht. Doch genau darin liegt der Reiz der Improvisation: Sie ist unvorhersehbar, entsteht im Moment, und oft unter Druck. Für mich ist Improvisation jedoch weit mehr als nur ein Auftritt auf der Bühne. Es ist eine Lebenshaltung, die mir im Alltag und im Beruf immer wieder begegnet. Diese Haltung verhilft mir zu mehr Resilienz und Flexibilität.
«Hey Gabriela, scho lang nömme gseh, duesch eigentlich immer no theäterle?» Dies fragte mich kürzlich eine Bekannte in der S-Bahn von Luzern nach Sarnen. Da der Zug gut gefüllt war und sie mich ziemlich laut über zwei Bankreihen hinweg ansprach, verzichtete ich auf eine ausführliche Antwort und nickte nur: «Ja, ich due immer no theäterle.»
Wir leben in einer Zeit, die von uns ständige Anpassung verlangt – oft bis an die Grenze der Überforderung. Immer wieder stehen wir vor neuen Herausforderungen, sei es im Job oder in sozialen Beziehungen. Diese Veränderungen erfordern von uns ein hohes Mass an Flexibilität. Aber wie gehen wir im Alltag damit um? Sagen wir «Ja» zu diesen Veränderungen oder wehren wir uns gegen sie? Und wie gehen wir dabei mit unseren eigenen Fehlern und denen anderer um?
Manchmal ist es einfach schwierig, sich dem Unvorhersehbaren zu stellen. Obwohl ich sieben Jahre lang Französisch in der Schule hatte, kostet es mich immer wieder Überwindung, im Welschland etwas zu sagen. Ich möchte, dass es richtig klingt und ich verstanden werde. Diese Angst vor Fehlern macht mich oft stumm, was eigentlich ziemlich dumm ist. Denn gerade dadurch würde ich am meisten lernen – durch das Ausprobieren, durch das Scheitern und durch das Wiederholen.
Wo Scheitern erwartet wird, wird Improvisation geübt: sei es im Sport, bei der Feuerwehr oder in der Musik. Diese Haltung könnte auch unseren Alltag bereichern, indem wir offen für Fehler werden und weniger Angst davor haben. Kinder tun dies selbstverständlich, indem sie ausprobieren und dabei scheitern. In einer sich ständig verändernden Welt sollen auch wir Erwachsene das Scheitern als Lernchance ansehen.
Statt sich über Fehler zu ärgern, könnten wir uns fragen: «Interessant, was habe ich heute daraus gelernt?» Sie dürfen gespannt sein, was dabei alles passiert. Vielleicht könnte daraus eine neue, positive Lernkultur entstehen.
Wenn mich das nächste Mal jemand fragt: «Hey Gabriela, duesch eigentlich immer no theäterle?», sage ich: «Ja, aber nicht nur. Ich versuche die Improvisation zu leben, denn jeder neue Tag hält unvorhersehbare Momente bereit, die darauf warten, von uns gestaltet zu werden. Manchmal gelingt mir das gut. Manchmal auch nicht. Aber ich bleibe dran und trainiere weitere 20 Jahre.»
Nächster Halt: Sarnen!
Ich meinti
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