
Gefährlich gutes Zeug: Lob und seine Nebenwirkungen
Ich bin heute high. Richtig gut drauf. Keine Sorge – alles legal. Mein Dealer: eine Kundin. Ihr Stoff: ein Lob. Ich überarbeite gerade meine Website und habe Kunden und Kundinnen gebeten, mir ein paar ehrliche Zeilen über unsere Zusammenarbeit zu schicken. Was dann kam, hat mich berührt: persönliche, konkrete Rückmeldungen – keine Floskeln, sondern ehrliche Wertschätzung.
Solches Feedback zu lesen, ist einfach schön. Natürlich hatte ich darum gebeten, und trotzdem war es ein richtiger Dopamin-Booster. Und dann frage ich mich: Wie wäre es, solche Sätze einfach so zu hören? Ohne dass ich jemanden gezielt danach frage? Einfach im Vorbeigehen, mitten im Alltag, ganz unerwartet? Denn genau dann, wenn ein Lob unaufgefordert kommt, entfaltet es eine ganz eigene Wirkung. Es überrascht, ist aufmerksam und ehrlich. Das macht high.
Stattdessen wird im Alltag oft betont, was fehlt oder was man anders hätte machen können. Und wenn alles einfach gut läuft? Dann bleibt es oft still. Dabei wäre genau das der Moment, in dem Lob am meisten bewirken könnte. Ein Kunde von mir brachte es auf den Punkt. In seiner Firma hört er selten ein positives Feedback. Das gehört nicht in die Firmenkultur. Ein «Danke» oder ein «Gut gemacht» ist ein rares Gut.
Und es geht nicht nur ihm so. Die Referentin am letzten kantonalen Bildungstag in Obwalden sprach vor rund 800 Lehrpersonen. Die Mehrheit war begeistert – laut der Auswertung danach. Doch ganz wenige Stimmen waren kritisch. Und genau diese verunsicherten sie. Die Referentin schrieb später auf LinkedIn, wie sehr die negativen Rückmeldungen nachwirkten – obwohl sie deutlich in der Unterzahl waren. Warum bleibt Kritik so viel länger im Kopf? Warum wiegt sie schwerer als alles Lob?
Umso wichtiger ist es, dass wir das Positive bewusst aussprechen. Denn Lob ist mehr als ein freundliches Schulterklopfen. Es ist ein soziales Superfood. Lob verbindet. Es ist Wertschätzung gegenüber einem Menschen, seinem Tun, seiner Haltung. Und das verändert etwas im Klima – im Kleinen wie im Grossen. Es braucht nicht viel. Ein kurzer Satz im Vorbeigehen: «Danke für Ihre Geduld.» Ein ehrliches Kompliment: «Das hast du heute richtig gut gemacht.» Oder einfach nur: «Schön, dass es dich gibt.» Das wirkt. Bei der Bedienung im Café. Beim Kollegen im Büro. Bei Kindern sowieso.
Und manchmal passiert danach etwas Unerwartetes: Die Bedienung lächelt plötzlich entspannter. Der Kollege reicht ungefragt die Unterlagen weiter. Ein Kind traut sich, etwas Neues auszuprobieren. Lob steckt an. Es pflanzt sich weiter. Manchmal über drei, vier Stationen. Manchmal leise – aber stets spürbar. Vielleicht ist es genau das, was wir öfter brauchen: einen Blick für das, was gelingt. Für das, was gut läuft. Für Menschen, die einfach einen guten Job machen, ohne Drama, aber mit Herz.
Kritik darf sein, natürlich. Aber vielleicht könnten wir alle ein bisschen grosszügiger werden – mit Worten, die wärmen, statt mit Werten, die werten. Wann haben Sie das letzte Mal jemandem gesagt: «Das hast du richtig gut gemacht» – ganz ohne Anlass, einfach so? Denn Lob verändert nicht nur die, die es empfangen. Es verändert auch uns selbst. Es richtet unseren Blick neu aus – weg vom Mangel, hin zur Fülle.
Richtig gutes Zeugs, dieses Lob. Und völlig rezeptfrei. Probieren Sie es einfach mal aus.
Ich meinti
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