Es war nur ein Anruf

Es war nur ein Anruf Ich wollte letztens meine Versicherungsprämie anpassen. Eine Sache von fünf Minuten, dachte ich jedenfalls. Die Nummer war schnell gewählt. Aber alles, was dann kam, brauchte nur eines: Geduld.

Eine automatische Stimme sagte: «Für Deutsch drücken Sie die 1. Für Französisch drücken Sie die 2. Für Italienisch die 3.» Ich drückte die 1.

Danach wurde es schwieriger. Mein Anliegen passte weder zu «Rechnungen, drücken Sie die 1», noch zu «Kündigungen, drücken Sie die 2», oder «Schaden melden, drücken Sie die 3». Also entschied ich mich für die Kategorie, die am wenigsten falsch klang, und drückte die 1.

Nach dem Hinweis, dass dieses Gespräch zu Lernzwecken aufgezeichnet werde, landete ich in der Warteschleife. Irgendein Gedudel im Ohr. Ich wartete.

Nach fünf Minuten steckte ich meine AirPods in die Ohren, damit ich währenddessen wenigstens etwas erledigen konnte. Nach zehn Minuten ging mir die Musik gehörig auf die Nerven. Was ist das überhaupt für eine Melodie? Und wer entscheidet, dass Menschen diese freiwillig zehn Minuten lang hören sollen?

Regelmässig meldete sich dieselbe automatische Stimme: «Ihr Anliegen wird so schnell wie möglich bearbeitet.»

Während ich wartete, fragte ich mich, was auf der anderen Seite wohl gerade passierte. Vielleicht sitzen dort drei oder vier Personen bequem beisammen, trinken Kaffee und erzählen sich vom gestrigen Abend. Mein Anruf? Der kann warten.

Die Musik spielte weiter.

Inzwischen hatte ich den Geschirrspüler ausgeräumt und die Küche gemacht. Immerhin. Als Nächstes ging es in die Waschküche.

Aber dann kam mir ein anderer Gedanke. Vielleicht ist dort gar kein gemütliches Team. Sondern nur eine Person. Sie kämpft allein gegen einen Bildschirm voller blinkender Anrufe und versucht, diese so schnell wie möglich abzuarbeiten.

Sportwäsche, 40 Grad. Im Ohr: «Ihr Anruf wird so bald wie möglich entgegengenommen.» Gut, dachte ich, dann kann ich noch die Pflanzen auf der Terrasse giessen.

Irgendwann wurde das Warten fast zu einer Challenge. Die Frage war nicht mehr, wann jemand abnimmt, sondern: Was schaffe ich alles noch, bevor sich jemand in der Leitung meldet? Schlafzimmer aufräumen. Das Bett frisch beziehen. Staub wischen.

Plötzlich fiel mir etwas auf. Bei der Sprache darf ich zwischen Deutsch, Französisch und Italienisch wählen. Bei der Wartemusik nicht.

Dabei wäre das doch ganz einfach: «Drücken Sie die 1 für Schlager. Die 2 für Kuschelrock. Die 3 für Easy Jazz.»

Die Wartezeit wäre zwar nicht kürzer, aber wenigstens hätte man das Gefühl, selbst noch eine Entscheidung treffen zu dürfen.

Endlich hörte ich auf der anderen Seite: «Vielen Dank fürs Warten. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?»

Ich war so überrascht, dass überhaupt jemand am anderen Ende der Leitung war, dass ich einen kleinen Moment überlegen musste, weshalb ich überhaupt angerufen hatte.

Ich erklärte mein Anliegen.

«Dafür bin ich leider nicht zuständig», sagte die freundliche Dame. «Ich verbinde Sie kurz weiter.» Bevor ich reagieren konnte, war sie schon wieder weg, und ich war wieder in der Warteschlaufe.

In meinem Kopf formten sich bereits Sätze, die für die Lernzwecke dieser Aufzeichnung vermutlich wenig geeignet gewesen wären. Also liess ich sie lieber unausgesprochen. Stattdessen dachte ich: Im Büro wartet auch noch so einiges auf mich. Danach könnte ich den Keller aufräumen und gleich noch den Garten neu gestalten.

Und wenn ich noch ein paar Mal weiterverbunden werde, schaffe ich vielleicht sogar noch den Hausumbau. Es war ja nur ein Anruf.

Ich meinti

Die Wartezeit wäre zwar nicht kürzer, aber wenigstens hätte man das Gefühl, selbst noch eine Entscheidung treffen zu dürfen.

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Copyright 2025 Gabriela Renggli

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