
Die Hardcore-Variante: Zwischen dem Vorher und dem Nachher
Ich liebe mein Leben nach dem Frühjahrsputz. Alles duftet herrlich frisch. Die Küche ist mit dem Dampfgerät gereinigt, die Lebensmittel sind auf Haltbarkeit überprüft und alles Offene liegt nun sicher verstaut in gut verschliessbaren Gläsern. Selbst die Fenster bestehen den Härtetest der ersten Frühlingssonne – sauber, klar, mit freiem Blick in die Berge.
Auch der Kleiderschrank ist entrümpelt. Alles, was zu eng, zu alt oder zu sehr „vielleicht zieh ich das irgendwann nochmal an“ war – ist weg. Ja, ich liebe dieses Gefühl nach dem Frühjahrsputz.
Aber: Wo ein «nachher» ist, gibt es zwangsläufig auch ein «vorher». Und genau da stecke ich fest. Vor dem Frühjahrsputz. Vor dem guten Gefühl. Vor dem frischen Duft. Vor dem Loslegen.
Um rauszufinden, was da genau auf mich zukommt habe ich ChatGPT gefragt: «Wieviel Zeit braucht es vom Vorher zum Nachher?» Ich wollte einfach genau wissen, worauf ich mich einlasse. Denn ich kenne mich: Im Frühling macht sich eine akute Müdigkeit breit. Im Sommer ist es zu heiss zum Putzen. Im Herbst kündigt sich schon der Winter an – und schwupps, ist wieder Frühling. Und ich? Ich stehe erneut vor dem Frühjahrsputz.
Laut ChatGPT hängt alles von der gewählten Variante ab. Es gibt eine schnelle, eine mittlere und eine Hardcore-Version. Letztere mit allem Drum und Dran: Möbelrücken, Teppiche reinigen, Schränke ausräumen, alles einmal komplett. Dauer: zwei bis drei Tage.
Zwei bis drei Tage. Das klingt eigentlich machbar. Eher wie ein verlängertes Wochenende.
Ein Wochenende, an dem ich mit dem Velo in die Berge fahren könnte. Oder in einer Gartenbeiz die ersten Sonnenstrahlen geniessen. Oder endlich meine liebe Freundin in Bern besuchen, die ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe.
Oder einfach mal ausschlafen – wobei ich das ja kaum noch kann. Dann ein gutes Buch lesen. Mich treiben lassen. Oder: Freunde zum Brunch einladen.
Ich sehe die Szenerie glasklar vor mir: Ein frisch gebackener Zopf, eine warme Rösti, ein grosses Glas mit selbstgemachtem Birchermüesli. Kaffee duftet durch das Haus, der frisch gepresste Orangensaft im Glas. Wir lachen, reden über Gott und die Welt. Und plötzlich: Sonne
So richtig. Und da ist es, mein Wohnzimmerfenster. Der Blick in die Berge wäre wunderschön, wenn da nicht die Streifen wären. Und der Blütenstaub. Und dieser eine schiefe Wischabdruck vom letzten halbherzigen Frühlingsputz.
Die Gäste sehen es auch. Und genau dann – das schlechte Gewissen. Weil ich vor dem Frühjahrsputz eingeladen habe. Nicht danach. Nicht «richtig». Nicht «fertig».
Aber vielleicht – vielleicht ist genau das die eigentliche Hardcore-Variante. Nicht das Putzen. Nicht das Möbelrücken. Nicht das Fensterpolieren. Sondern: das schlechte Gewissen auszuhalten und einfach zu sagen – „Ja, die Scheiben sind dreckig. Und trotzdem - schön, dass ihr da seid.“
Ich meinti
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