
Der Zufall sitzt neben mir
Ich falle beim Langlaufen. Nicht spektakulär, kein Salto, kein Heldinnenmoment. Ein falscher Schwung, ein Stolpern, und das rechte Handgelenk fängt mich auf. Oder versucht es zumindest. Der Schmerz ist sofort da. Ich weiss: Da stimmt etwas nicht.
Weil der Schmerz stärker wird, melde ich mich in der nächstgelegenen Gemeinschaftspraxis im Dorf. Das Wartezimmer ist voll. Winter, Wallis, Schnee – Hochsaison für kleine und grosse Blessuren. Ich setze mich.
Neben mir sitzt eine Dame, ein paar Jahre älter als ich. Mir fällt sofort auf: Sie hält ihre Hand genauso wie ich meine. Dasselbe angewinkelte Handgelenk, dieselbe Schonhaltung. Wir sitzen da wie ein Spiegelbild. Zwei Fremde, synchron verletzt. Und plötzlich fühle ich mich nicht mehr ganz allein mit meiner Sorge.
Ich frage: «Ist es auch Ihr Handgelenk?» Sie nickt. «Auch beim Langlaufen?» «Nein, beim Wandern.»
Dann schweigen wir und sind trotzdem verbunden, allein durch unsere Körperhaltung.
Sie wird aufgerufen. Röntgen.
Ich werde aufgerufen. Röntgen.
Wir kehren zurück und setzen uns wieder nebeneinander. Unsere rechten Hände noch immer gleich angewinkelt, noch immer wortlos vereint. Dann die Diagnose: Handgelenkbruch. Bei uns beiden. Operation nötig. Überweisung nach Visp ins Spital, bei uns beiden.
Wir wünschen uns Glück. Höflich. Etwas distanziert. Per Sie.
Eine Stunde später treffen wir fast zeitgleich auf dem Notfall ein. Dort herrscht ein buntes Treiben. Menschen aus der ganzen Welt. Skiunfälle, Stürze, Schmerzen in allen Sprachen. Und wir zwei mittendrin – wieder nebeneinander. Fast selbstverständlich.
Irgendwann fragen wir uns nach unseren Namen. Die Dame sagt: «Ich bin Helena, wenn es recht ist.» Mir ist es sehr recht. Ich fühle mich längst mit ihr vertraut.
Wir werden triagiert, sitzen wieder im selben Raum. Nun sind wir endgültig ein Duo. Die Zeit dehnt sich. Wir erzählen. Von unseren Kindern. Von früheren Unfällen. Von Dingen, die man sonst nicht mit Fremden teilt. Der Ton wird leiser, vertrauter. Das Warten verliert etwas von seiner Schwere, weil man es teilt.
Die Stunden vergehen. Immer mal wieder wird eine von uns aufgerufen.
CT ich. CT sie. Wie ein Tanz.
Dann die Überraschung: Ich habe doch keinen Bruch. Sie schon. Ich brauche keine Operation, sie schon. Diese ist aber an diesem Tag nicht mehr möglich. Die Ärztin entlässt uns gemeinsam. Fast absurd. Gemeinsam gekommen, gemeinsam gegangen – und doch mit unterschiedlichen Diagnosen. Ich bin erleichtert. Und habe fast gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, dass ich glimpflicher davongekommen bin als sie. Auch das ein Zufall.
Mein Mann holt uns ab. Ohne gross zu überlegen, nehmen wir Helena mit. Fünf Stunden Spital liegen hinter uns, eine Stunde Autofahrt vor uns. Es fühlt sich nicht seltsam an. Es fühlt sich richtig an. Vertraut.
Ich bin froh um diese zufällige Nähe. Froh, nicht allein gewesen zu sein beim Warten, in der Unsicherheit, in diesem Zwischenraum aus Schmerz und Hoffnung.
Nun wartet sie auf ihre Operation. Beim Aussteigen wünsche ich ihr alles Gute. Wirklich von Herzen.
Dann schliesst sich die Autotür. Der Zufall steigt aus – und ich bleibe noch einen Moment sitzen. Dankbar, dass er sich für eine Weile zu mir gesetzt hat.
Ich meinti
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