
Das nächste Mal sag ich was
18.06 Uhr. Feierabend. Ich steige in Luzern in den Zug nach Sarnen. Wie immer um diese Zeit ist er voll. Pendler:innen mit müden Gesichtern, dazwischen eine asiatische Reisegruppe mit Selfiestangen auf dem Weg nach Interlaken. Dazu eine Schulklasse auf dem Rückweg von einem Ausflug. Mit roten Backen und aufgeregten Stimmen sitzen sie in ihrem vorreservierten Abteil. Es riecht nach nassen Jacken und nach einem langen Tag.
Ich gehe durch den Gang und suche einen freien Platz. Abteil um Abteil. Überall Jacken, Koffer, Mäntel und Beine.
Da sehe ich sie. Eine Frau, vielleicht um die fünfzig. Sie sitzt allein in einem Viererabteil und hat sich gemütlich eingerichtet. Neben sich die braune Handtasche, darauf ein sorgfältig gefalteter Kaschmirschal. Gegenüber eine kleine Reisetasche aus Leder. Auf dem dritten Sitz: ihre Füsse, die Schuhe ausgezogen, die Zehen wippen zufrieden.
Ich bleibe stehen. «Guten Abend, ist hier noch frei?» Ich zeige auf den Platz mit der kleinen Reisetasche. Sie schaut mich an. Nur kurz. Und in diesem Blick liegt alles. Ablehnung. Müdigkeit. Und ihr stiller Anspruch: Dieser Platz gehört mir. Ich kenne diesen Blick. Ich sehe ihn oft im Pendlerzug. Und jedes Mal zieht sich etwas in mir zusammen. Er macht mich wütend.
Ich bleibe stehen und warte. Langsam nimmt sie ihre Reisetasche und stellt sie zu ihrer Handtasche neben sich. Kein Wort. Kein Lächeln. Kein Nicken. «Danke», sage ich und setze mich hin. Mein Rucksack liegt auf meinen Knien. Meine dicke Jacke lege ich darüber. Ich mache mich klein auf meinem Platz. Der Zug fährt los, ohne Halt bis Sarnen.
Neben mir streckt sie wieder die Füsse aus. Ihre Zehen nur wenige Zentimeter von meiner Jacke entfernt. Sie schaut aus dem Fenster, als würde sie allein hier sitzen.
In meinem Kopf beginnt es zu arbeiten. Beide zahlen wir gleich viel. Vier Sitze, zwei Menschen.
Und trotzdem benehme ich mich, als hätte ich weniger Recht hier zu sein.
Jetzt sag etwas, denke ich. Nächster Halt: Kriens.
Ich warte auf einen kurzen Blickkontakt mit ihr, damit ich ansetzen kann. Ich räuspere mich. Schaue bewusst ihre Füsse an. Schaue sie an. Nichts. Nächster Halt: Hergiswil.
In meinem Kopf entsteht ein Plan. Ein ziemlich guter Plan. Ich beuge mich nach unten. Löse langsam meine Schuhbändel. Ziehe die Schuhe aus. Schiebe sie unter meinen Sitz. Dann lege ich, ganz selbstverständlich, meine Füsse auf den gegenüberliegenden Platz. Genau dorthin, wo ihre Tasche steht.
Sie reagiert sofort. Zieht die Tasche ruckartig an sich. Nimmt ihre Füsse vom Sitz. Zum ersten Mal schaut sie mich richtig an. «Oh, Entschuldigung», sagt sie leise.
Ich lehne mich gemütlich zurück. «Kein Problem, wir teilen uns den Platz», sage ich grosszügig. In diesem Moment gehört der ganze Wagen mir. Ja, so sieht mein Plan aus. Klar, einfach und sehr wirkungsvoll. In diesem Plan weiss ich genau, was ich sage und tue.
Nächster Halt Sarnen. Meine Schuhe sind noch an. Ihre Füsse liegen noch immer neben mir.
Ich steige aus, nehme meinen Rucksack und ziehe meine Jacke an. Auf dem Bahnsteig atme ich die kalte Abendluft ein. Und ich nehme mir etwas vor.
Das nächste Mal. Ja, das nächste Mal sage ich etwas. Ganz sicher.
Ich meinti
«Kein Problem, wir teilen uns den Platz», sage ich grosszügig. In diesem Moment gehört der ganze Wagen mir.
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